Linda Cuir


   

                   Der Stammtisch

Anja und Fred verließen müde ihren Arbeitsplatz. Draußen war es längst dunkel, und dicker Nebel waberte über der Kleinstadt.
"Fred, ich habe einfach keine Lust mehr, etwas zu kochen."
"Dann lass uns doch in den "Ochsen" gehen!"
"Heute ist Donnerstag, da gibt es um diese Zeit bestimmt keinen Platz mehr."
"Lass es uns doch versuchen, für so treue Gäste wird sich bestimmt schon noch ein Plätzchen finden", sagte Fred lachend.

Im Restaurant waren bereits alle Tische belegt. Ein angenehmer Essensduft durchzog den Raum. Anja und Fred standen ratlos herum.
Christa, die Bedienung kam und sagte:

"Guten Abend, warum haben Sie denn nicht angerufen? Ich kann Ihnen nur noch den ganz kleinen Tisch dort hinten neben dem Stammtisch anbieten. Da geht es aber heute hoch her", fügte sie lachend hinzu. Anja und Fred blickten sich an und nickten.


Am Stammtisch saßen die Honoratioren der Kleinstadt: der Gymnasialdirektor, der Apotheker, der Zahnarzt und einige der tonangebenden Geschäftsleute. Die Gruppe saß dort bestimmt schon länger, denn ihre Stimmung erreichte fast den Höhepunkt. Die Gespräche wurden so laut, dass Anja und Fred das Mithören geradezu aufgezwungen wurde.

Plötzlich begann der Zahnarzt zu lachen. Er, ein beleibter Genießer, immer lustig und fidel, gab dann mit sonorer Stimme Folgendes zum Besten:
"Stellt euch mal vor, ein früherer Patient von mir, ein ewiger Nörgler, kam vor einigen Tagen wieder in meine Praxis und wollte ein Gebiss. In mieser Stimmung erklärte er mir, er bräuchte ja keines, aber seine Frau läge im ständig in den Ohren. Sie hätte ihn geradezu hierher gezwungen. Sein Mund war fast zahnlos.
Kurzum, die Zähne wurden im Labor angefertigt, der Anstett kam in die Praxis und wollte keine Anprobe. Er nahm die Prothese und die Rechnung murrend in Empfang und verschwand.
 


Einen Tag später erschien die nette Frau Hübner, die kennt ihr doch auch? Für sie hatten wir ebenfalls ein Gebiss angefertigt. Das Ding passte hinten und vorne nicht, ich sah das sofort, es war zu breit und zu hoch. Dieses Gebiss konnte mit Sicherheit nicht das Richtige sein. Im Labor war aber kein anderes.
Kurzerhand habe ich die Prothese von Frau Hübner genommen, ihr Abhilfe versprochen, das Ding in die Jacktasche gesteckt und bin zum Anstett gefahren.


Ich läutete. Der alte Nörgler kam angeschlurft und hat mich tatsächlich mit in seine Küche genommen."
 

"Na, Herr Anstett wie passt denn das neue Gebiss?", fragte ich scheinheilig.

"Überhaupt nitte, ich kann damit nit bisse. Ich hab`s ja glei geseit, rausgeschmissenes Geld, in der Nochttischschublade leit`s jetzt."

"Ich hab überlegt, wie komme ich an das Ding? Ein Geistesblitz durchfuhr mich, und ich sagte ganz freundlich: Na, dann wollen wir mal schauen, holen Sie doch bitte mal den Übeltäter!"


Der Anstett hat die Zähne geholt, sich auf den Stuhl gesetzt und das Maul aufgemacht. Blitzschnell...

 

die ganze Geschichte können Sie im B-Projekt und mehr  lesen         -    Beziehungskisten. Irren ist menschlich      -          

Ventura Verlag ISBN 978-3-940853-07-3                 €  9,95